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Blog-Beitrag

Wie Georgien mit seinen Straßenhunden umgeht und was wir daraus lernen (mit Beispielen)

  • Autorenbild: Anh
    Anh
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wir reisen seit über einem Jahr mit unserem Van durch unterschiedliche Länder und waren über einen Monat in Georgien. Was mich als Hundetrainerin persönlich überrascht hat, ist der Umgang der Menschen mit den Hunden und wie viele freundliche Begegnungen wir mit Straßenhunden hatten. Sicherlich ist das nur ein kleiner sehr subjektiver Einblick, aber dieser hat mich persönlich sehr bewegt. 


Mir sind einige Kleinigkeiten aufgefallen, die in anderen Ländern nicht üblich waren. Im Folgenden versuche ich ein wissenschaftliches Paper von Y. Kisora, B. Bovenkerk und C. Driessen „What Tbilisi street dogs and their human patrons can teach us about animal agency and multispecies care“ mit meinen eigenen Erlebnissen zu verweben.


Zunächst zielt die Politik Georgiens, wie fast überall, darauf ab das Thema Straßenhunde ad acta zu legen. Also den Abbau der Hunde auf der Straße und das Verhindern neuer Straßenhunde. Was Georgien jedoch anders macht, ist, dass neben dem klassischen und durchaus effektiven CVNR, auch sogenannte Patrons für die Hunde gesucht werden. Dazu gleich mehr.


Kurz zu den altbekannten Fakten:


– Straßenhunde verursachen Probleme: Übertragung von Krankheiten auf Mensch und Tier, Gefahr für andere Lebewesen (auch Menschen), Bedrohung bereits bedrohter Tierarten, Wilderei. 

– Unser eurozentralistisches Denken will es uns vielleicht nicht wahrhaben lassen, aber es leben weltweit mehr Hunde ohne menschlichen Anschluss als mit.

– CVNR ist kurz für: Catch – Vaccinate – Neuter – Release. Das bedeutet ein Hund wird eingefangen, geimpft, kastriert und dann wieder an seinen Herkunftsort ausgesetzt

– CVNR ist effektiv, aber überlässt die Hunde ihrem eigenen Schicksal. Ist ethisch also fragwürdig und bearbeitet das Problem von nur einer Seite. 


In Georgien haben Straßenhunde Schutzpatronen


„Due to the current governmental CVNR programme of Animal Monitoring Agency (AMA), unowned dogs in Georgia are allowed to live on the streets if they are vaccinated, neutered and registered in a city-wide system with a unique number on an ear tag.“

übersetzt: 


„Aufgrund des aktuellen staatlichen CVNR-Programms der Tierüberwachungsbehörde (AMA) dürfen besitzerlose Hunde in Georgien auf der Straße leben, wenn sie geimpft, kastriert und mit einer eindeutigen Nummer auf einer Ohrmarke in einem stadtweiten System registriert sind.“

Diese Ohrmarken knüpfen die Hunde an eine Hauswand, wie es im Paper heißt. Umgesetzt bedeutet das, der Hund, der eingefangen wird, erhält eine Ohrmarke, deren Nummer mit dem Ort des Einfangens und Aussetzens verknüpft ist. Ein Bewohner dieses Stadtteils oder Straße kann sich nun bei der Stadt melden und sich als Patron registrieren lassen. Manche Hunde haben bis zu 20 Schutzpersonen eingetragen auf ihre Marke.


Lost Place Hund in Tskaltubo
Lost Place Hund in Tskaltubo

Eigener Einblick: an den unterschiedlichsten Orten – undenkbar für Deutschland – haben wir Hunde mit Marke angetroffen. Im Tierladen, in einer Töpferwerkstatt, im Carrefour zwischen der Grillkohle tief schlafend und sogar beim Grenzbeamten im Häuschen. In den verlassenen Heilstätten Tsalktubos streunerten ebenfalls Hunde umher, die sich den Menschen, die dort Führungen gaben und denen, die dort auf Fotojagd waren anschlossen.


Diese Menschen sind nun semi verantwortlich für die Hunde und haben freiwillig ein Auge auf deren Gesundheit und Wohlbefinden. Warum nur semi? – letztlich haben diese Hunde weiterhin ihren freien Willen und dürfen ihre Zeit frei einteilen und so viel umherstreunern wie sie wollen. Schabernack treiben.


Eigener Einblick: wenn man durch Georgien fährt, sieht man überall an den Straßen Hundehütten, Wasserstellen und Futterstellen. Nicht immer haben die Straßenhunde Ohrmarken, aber manche ohne offizielle Schutzpersonen, haben trotzdem Wasserstellen und ein Dach über den Kopf.


Zurück zum Paper, dessen Beispielhunde und Menschen im Stadtteil Bukia in Tiflis leben. Durch diese freundliche Mensch-Hund-Konstellation entstehen tiefe und innige Beziehungen. Berichten zufolge gibt es auch Hunde, die eine Form des Gehorsams an den Tag legen und auf Signale ihrer Bezugspersonen reagieren. Dass Hunde perfekte Anpasser sind, ist nichts neues. Für Straßenhunde ist das nicht nur wichtig, wenn es darum geht die Straße sicher zu überqueren, sondern auch dann, wenn es darum geht, dass Kooperation ihnen einen Vorteil verschafft. So gewinnen die Hunde oft auch die Herzen der umliegenden Restaurants und ergattern sich so die Reste. Kein to-good-to-go in Georgien für uns Menschen.



Zu beobachten war auch, dass die Straßenhunde Tiflis im Beisein ihrer Bezugspersonen Autos anbellten und verjagten. Was eine lustige Anekdote ist, aber wiederum problematisches Verhalten verdeutlicht.


Eigener Einblick: An unterschiedlichen Orten unserer Reise ist uns das auch passiert, in Georgien und Griechenland auffällig häufig mit Herdenschutz-Mixen. In Georgien schlossen sich uns auf den Wanderungen wie auch auf den Stellplätzen einzelne Hunde an, die ab dem Zeitpunkt anfingen den Bus vor fremden Hunden oder anderen Tieren abzuschirmen. Das klingt erst mal ganz freundlich, aber bestand meistens daraus, dass Kühe oder Esel getrieben wurden, mit Richtung Beine schnappen und viel Gebell. An einer beliebten Therme gab es einen Thermenhund, der es geschafft hat, dass kein einziger Kuhfladen in der Nähe der Therme gelandet ist. Das war super, weil man in Georgien dauernd in Ausscheidungen von Kühen, Pferden oder Schafen tritt. In Griechenland hatten wir mehrmals die Ehre von Herdis die ganze Nacht wach gehalten zu werden, weil sie immer wieder etwas im Dunkeln gesehen haben – oft ihren eigenen Schatten.


unsere nächtliche Alarmanlage in Griechenland
unsere nächtliche Alarmanlage in Griechenland

Dieses problematische Verhalten wird jedoch nur im Ansatz versucht reguliert zu werden. „Das Patenschaftssystem scheint eine begrenzte Verantwortung gegenüber der Kontrolle zu bevorzugen, wie es bei Hunden mit Besitzern der Fall ist. Es stützt sich auf drei Elemente: eine grundlegende Fütterung und medizinische Versorgung, weitreichende Fürsprache und gelegentliche Vermittlung bei Konflikten.“ – die Schirmpersonen machen das alles ehrenamtlich, ohne einen dieser Hunde zu „besitzen“. 


Eigener Einblick: in den größeren Städte Georgiens hatten wir mit unseren Hunden keine Probleme mit den Straßenhunden. Diese sind gut mit den Leinen-Hunden sozialisiert und auch so verhalten sich die Straßenhunde deeskalierend bis hin zu freundlich neugierig. Untereinander sah das Ganze schon anders aus, da gab es territoriale Machtkämpfe und in der Gruppendynamik auch vereinzelt Probleme mit Fahrradfahrenden. Waren wir ohne Hunde unterwegs, zeigten sich die Hunde sehr freundlich uns gegenüber und haben jede Zuneigung genossen. Einmal haben wir einen Touristen beobachtet, der einen dieser freundlichen Streuner geärgert hat. Der wurde dann durch Bellen auch sofort auf Abstand gehalten. Danach kam er freundlich auf uns zu und hat sich ein bestätigendes Krauli abgeholt.


Im Gegensatz zu den tödlichen Maßnahmen der Türkei und Rumäniens, ermöglicht CNVR einen nachhaltigen Umgang mit Straßenhunden. Und durch das Zurückbringen an ihren Ursprungsort und der Etablierung von menschlichen Schutzpatronen, wird den Hunden ermöglicht soziale und räumliche Bindungen einzugehen, was zu einer gesteigerten sozialen Kompetenz der Hunde führt. Meiner Meinung nach fördert so ein Programm auch die Fürsorge-Fähigkeiten der Menschen und zeigt auch schon Kindern, dass sowohl Menschen als auch Hunde emotional tiefe Beziehungen eingehen können. 


In meinen Augen ist das ein erstrebenswertes Leben für die Hunde, denn sie bekommen neben der Sicherheit bezüglich Futter und Shelter, auch noch die Liebe und Fürsorge, die sie verdienen. Letzten Endes bin ich aber trotzdem überzeugt, dass ein Hund ein warmes und sicheres Zuhause und immerwährende Fürsorge verdient. Denn das was ich als Nachteil eines Zuhauses sehe, nämlich den Mangel an Selbstbestimmung, den kann jede:r einzelne Hundebesitzer:in ihrem Hund durch achtsames Training ermöglichen.


Hades, der uns im Truso-Tal Gesellschaft leistete und der Schrecken der Kühe war.
Hades, der uns im Truso-Tal Gesellschaft leistete und der Schrecken der Kühe war.

Quellen


  • Kisora, Y., Bovenkerk, B., & Driessen, C. (2024). What Tbilisi street dogs and their human patrons can teach us about animal agency and multispecies care. In M. F. Giersberg, B. Bovenkerk, & F. L. B. Meijboom (Eds.), EurSafe2024 Proceedings: Back to the future – Sustainable innovations for ethical food production and consumption (S. 236–241).

  • Abdulkarim, A., Goriman Khan, M. A. K. B., & Aklilu, E. (2021). Stray Animal Population Control: Methods, Public Health Concern, Ethics, and Animal Welfare Issues. World’s Veterinary Journal, 11(3), (S. 319–326).


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